Warum gerade diese Ansatzfunktionen?

Prinzipiell ist jede der vier Funktionen \sin(kx), \cos(kx), \exp(kx), \exp(-kx) eine Lösung der Schrödinger-Gleichung mit konstantem Potential. Allerdings sind davon jeweils nur zwei (beliebige) unabhängig voneinander. Unter Verwendung komplexer Zahlen lassen sich zwei dieser Funktionen stets durch die anderen beiden ausdrücken, zum Beispiel:

    \[ e^{ikx} = \cos(kx) + i\sin(kx) \]

oder

    \[ \sin(kx) = \frac{e^{ikx}-e^{-ikx}}{2i} \]

Da zwei Funktionen ausreichen, um alle Lösungen darzustellen, besteht ein allgemeiner Lösungsansatz aus einer Überlagerung von zwei geeignet gewählten Ansatzfunktionen. Wählt man die Ansatzfunktionen geschickt, so bleiben die k-Faktoren (ebenso wie die Gewichtungsparameter) reell.

In einem Gebiet I (klassisch erlaubter Bereich) ist ein solcher Lösungsansatz zum Beispiel

    \[ \psi_{\text{I}}(x) = A\sin(k_{\text{I}} x) + B\cos(k_{\text{I}} x), \]

während in einem angrenzenden Gebiet II (klassisch verbotener Bereich) der allgemeine Ansatz

    \[ \psi_{\text{II}}(x) = C \exp(-k_{\text{II}} x) + D \exp(k_{\text{II}} x) \]

zum Ziel führt.

Die Ansatzfunktion \exp(k_{\text{II}} x) mit positivem Exponenten ist in Gebiet II physikalisch nicht sinnvoll: Diese Exponentialfunktion wächst unbegrenzt an. Das würde für x \to \infty eine unendlich hohe Aufenthaltswahrscheinlichkeit bedeuten. Der entsprechende Term muss daher verschwinden (D = 0).

Generell arbeiten Physiker hier bevorzugt mit komplexen Exponentialfunktionen e^{ikx} bzw. e^{-ikx} statt mit Sinus- und Kosinusfunktionen. Das hat vor allem zwei Gründe:

  • Mathematisch lässt sich die Exponentialfunktion einfacher handhaben.
  • Physikalisch sind die komplexen Exponentialfunktionen zugleich Impulseigenfunktionen für ein konstantes Potential. Sie entsprechen also genau einer nach rechts bzw. links laufenden Welle mit Impuls \pm\hbar k.

Zurück zur Kapitelübersicht.